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Interessenkonflikt: Leistungserbringer contra Pflegebedürftige

Eigentlich ist die Pflegeversicherung eine richtige Sache. Jede Gesellschaft hat ihre Alten und muss einen gewissen Teil ihres verfügbaren Vermögens für die Pflegebedürftigen aufwenden. Das tut natürlich dem mittleren Teil der Gesellschaft weh, der gleichzeitig für die Kinder und die Rentner und Pflegebedürftigen aufkommen muss. Die Leistungserbringer sind an einem niedrigen Monatsbeitrag zur Pflegeversicherung interessiert. Durch die Beiträge kommt ein gemeinsamer Topf zustande, den sich die Pflegebedürftigen teilen. Diese sind natürlich an einem ausreichend großen Topf interessiert.

Interessenkonflikt: Krankenkasse contra Pflegekasse

Wenn der Patient bei schwerer Demenz ein totaler Pflegefall ist und ins Pflegeheim muss, dann verringert sich der Aufwand der Krankenkassen. Und weil Krankenkassen chronisch zu wenig Geld haben und sparen müssen, entsteht ein widersinniger Interessenkonflikt: Je eher die Patienten im Pflegeheim sind, um so besser für die Bilanz der Krankenkasse und für die Beitragszahler. Aber wer bezahlt die Pflegekasse? Das sind auch die Beitragszahler! Hier wird von einer Tasche in die andere gewirtschaftet. Leidtragende sind die Patienten, die wegen unterlassenen Therapien ihr Fähigkeiten schneller verlieren und zum Pflegefall werden. Und für die Gesellschaft ist es auch blödsinnig, weil Pflegeheimplätze teurer sind als zu Hause gepflegte Patienten.

Der Anteil der Alten nimmt zu!

Der sogenannte Generationenvertrag besagt, dass die aktuell arbeitende Bevölkerung für die Kinder und die Älteren sorgt. Eingeführt hat dieses System der Herr Bismarck vor über 100 Jahren. Damals ging das Kindesalter von 0 bis 15 und das Rentenalter von 60 aufwärts. Allerdings lag die durchschnittliche Lebenserwartung unterhalb von 60. Es war Glücksache das Rentenalter zu erreichen und demzufolge war die Altersdemenz als Massenphänomen nicht bekannt.

Inzwischen geht die Kindheit bis 25 (die Hälfte der Kinder studiert) und die Lebenserwartung liegt bei 75. Der Anteil des erwirtschaftenden Teils der Gesellschaft wird also geringer, aber der Anteil der pflegebedürftigen Alten steigt. Hier kann das Umlagesystem nur noch funktionieren, wenn in der mittleren Gruppe geburtenstarke Jahrgänge sind, was in den letzten Jahrzehnten auch der Fall war. Ein Schneeballsystem also. Und Schneeballsysteme haben die Eigenschaft, mit großem Getöse und schmerzhaften Verlusten in die Brüche zu gehen. Dieses Ereignis steht uns allen bevor, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Pension gehen und irgendwann auch pflegebedürftig werden.

Die Zeitbombe tickt also.

Aktuell verschiebt man das Problem in die Zukunft, indem die Finanzlücke durch Quersubventionierung vorrübergehend geschlossen wird (Öko-Steuer). Eine anderer Schritt ist die Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Das ist allerdings sinnlos, wenn gleichzeitig alle über 55jährigen in den vorzeitigen Ruhestand gedrängt werden und als nicht mehr vermittelbar gelten.

Ein kleiner Schritt in die unvermeidliche Richtung ist die Riesterrente nach dem Motto "Jeder sorgt für sich selbst, zumindest teilweise". Doch es kommt nicht besonders gut an. Und drastischere Schritte traut sich keine Regierung, denn sie würde sofort abgewählt. Der überwiegende Teil der Wahlberechtigten hat ja sein Leben lang Versicherungsbeiträge gezahlt, im Vertrauen auf Generationenvertrag und Rentenzusage.

Was will er eigentlich?

Ich weise hier nur auf bedenkliche Aussichten hin. Ich biete keine altklugen Lösungsvorschläge an. Sie würden mich ja sofort abwählen, böse Emails schicken und die Webpage nie mehr lesen. Ich möchte nur, dass drüber nachgedacht und geredet wird. Wenn das Problem vielen Menschen klar ist, trauen sich dann vielleicht auch die Politiker an Änderungen heran.

Im Moment bin ich aber sehr dankbar, dass es die Pflegeversicherung gibt. Nur die Art und Weise wie die Patienten wegen der Interessenkonflikte hin und her geschoben werden finde ich unmöglich. Und die Aussichten sind deprimierend.

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